Ein fliegender Elefant

Ein Tag, der vieles verändert

Eigentlich treffen wir täglich Menschen, die sterben werden. Klar, ein Schicksal, das uns alle irgendwann mal in weiter Zukunft ereilen wird.
Aber jemanden kennenzulernen, der ganz konkret weiß: seine Zeit ist begrenzt?

Als Barbara Stäcker und ich am 19. November 2013 der Aktion „Blickwinkel Leipzig“ im Gewandhaus beiwohnen, sehen wir junge Frauen, die an Krebs erkrankt sind. Sie sind gekommen, um sich schminken und fotografieren zu lassen, um dem Krebs „ihr schönstes Gesicht“ zu zeigen, wie auf den Plakaten steht. Die Idee dazu entstand in der Klasse von Gisela Philippson. Sie ist Ethiklehrerin der Medizinischen Berufsfachschule am Universitätsklinikum Leipzig und nahm nach dem Lesen von „Nana – der Tod trägt Pink“ Kontakt mit uns auf. Im Unterricht hatte sie die Geschichte von Nana Stäcker, die mit 21 Jahren an einer Krebserkrankung verstorben war, vorgestellt, es wurde ein Projekt in Nanas Sinne entwickelt und schließlich mit örtlichen Fotografen und Kosmetikerinnen umgesetzt. Für uns ist es spannend an diesem Tag zu sehen, wie mit den Patientinnen, aber auch mit den Schülerinnen und Schülern die gleiche Verwandlung passiert, die wir immer wieder in den Workshops unseres Vereins Nana – Recover your smile e.V. beobachten dürfen:

Krebs mag vielleicht einige klassische Schönheitsattribute wie Haare und Augenbrauen nehmen – die Persönlichkeit aber er kann nicht rauben. Und: Menschen mit Krebs sind zwar schwer krank, ansonsten allerdings erstaunlich „normal“.

Luise Ganschor ist die Erste an diesem Tag, die fotografiert wird. Sie ist mit ihrer Mutter Beate gekommen. Die Stimmung ist heiter, es wird gelächelt und gelacht. Als das Shooting zu Ende ist, bitte ich Luise um ein kurzes Statement. Bis dahin ist sie für uns eine junge Frau, die gerade mitten in der Chemo steckt. Doch danach ist alles anders.

Unheilbar
Gerade, als wir uns voneinander verabschieden wollen, meint Barbara : „Darf ich dich fragen, was du hast?“. Und Luise antwortet, sie hätte nach einem überstandenen Vaginalkarzinom gedacht, der Krebs sei überwunden. Aber bei der Nachsorge hatte man immer „nur unten“ geschaut, wie sie es nennt und nun seien unheilbare Lungenmetastasen festgestellt worden. Sie werde palliativ-medizinisch behandelt.

Sachlich und ruhig erzählt Luise, dass sie weiß, sie wird an ihrer Erkrankung sterben. Es sind nur ein paar Sätze, doch sie entfalten eine enorme Wucht: Luise und ihre Mutter Beate befinden sich in der gleichen Situation wie Nana und Barbara wenige Monate zuvor. Wir weinen. Wir halten uns. Menschen, die noch einen Augenblick zuvor Fremde waren, teilen jetzt ein Wissen, einen Schmerz.

Am nächsten Tag schreibt Luise in einer Mail:

»Ich habe mir gestern das Nana-Buch gekauft und bin schon bei der Hälfte angekommen. Ich muss beim Lesen viel weinen, aber gleichzeitig oft schmunzeln, denn ich habe manchmal das Gefühl, es geht um mich, das ist total verrückt. Ich sehe so viele Parallelen im Umgang mit der Krankheit. Da ich inoperable Lungenmetastasen habe, hatte ich immer große Angst, daran zu ersticken, eine Angst, die mir meine Ärztin genommen hat. Die Angst, plötzlich nicht mehr da zu sein, nicht zu wissen, wann und wo es passiert, Familie und Freunde zurückzulassen und nicht zu wissen, ob man den nächsten Sommer noch erlebt, die bleibt natürlich. Aber gestern war für mich ein ganz besonderer Moment. Ich hatte keine ›Angst‹ mehr, es war etwas anderes, das ich noch nicht erklären kann, innerhalb von zehn Minuten. Ihr habt uns so viel Kraft gegeben, vor allem meiner Mutti, dafür danke.«

Die Begegnung, die an diesem Vormittag so flüchtig begann, mündet in einer engen Zusammenarbeit und tiefen Freundschaft. Barbara und ich überlegten schon länger, ein Buch über Sterbebegleitung zu schreiben. Auf unseren Lesungen und Vorträgen tauchen jedes Mal so viele Fragen auf, die man in einem Ratgeber klären könnte. Luise mit ihrer frischen Art, mit ihrer Offenheit und ihrem Humor war wie ein Geschenk.

Denn wer kann einem den Weg besser weisen als ein Mensch, der selbst auf der Reise ist?

Luise, die Reiseleiterin
Unser erstes längeres Interview findet in Nanas Zimmer statt. Es ist ein Sonntag im Januar 2014, Nachmittags würde sie beim Shooting von „Nana – Recover your smile e.V.“ zu Gast sein. Luise erzählt ihre Krebsgeschichte, vom Hoffen, Bangen, der Gewißheit. Wie sie damit lebt, ein Vierteljahr nach dem Satz: „Es gibt keine Heilung, aber Zeit“. Aber auch, was sie sich im Umgang der anderen mit ihrer Situation wünschen würde:

Reisezeit
Es folgen viele Besuche. Luise lernt Berend Feddersen kennen,  Palliativmediziner und Co-Autor von „Der Reisebegleiter für den letzten Weg“. Zwischen beiden entsteht spontan ein vertrautes Band, kein Wunder, sie teilen den gleichen Humor.

Barbara und Luise fotografieren viel zusammen.

Im Sommer 2014, wieder in Nanas Zimmer, sprechen wir über die Wichtigkeit von Optionen bis zum Schluß, von der Veränderung von Hoffnungen und vom Klischee „der letzten Wünsche“:

F U Cancer
Im September planen wir eine Überraschung für Luise. Getarnt als „großes Interview“ reisen wir mit Thomas Schwendemann an der Kamera nach Leipzig. Im Gepäck haben wir heimlich eine ganze Band, doch davon ahnt Luise nichts, als wir Freitags Nachmittags bei ihr auf der geliebten Dachterrasse sitzen.

Ein perfekter Ort, um über das Sterben zu philosophieren, was sie dort mit ihrer Freundin Bianca Brandt, die sie über „Jung. Schön. Krebs.“ kennengelernt hatte, praktiziert:

Wo geht die Reise hin?
Einmal schrieb sie mir in einer Privatnachricht:

Luise:  Wir sehen uns irgendwann alle wieder!!!! Da gibts dann Bierfässer, Hängematten und alles was man sich wünscht. Wie toooll!“

Doro: „Hahaha, ich schmeiß mich weg! Ich will auf jeden Fall Strand. Sonst komm ich nicht! (Na ja, als hätte man eine Wahl …?)“

Luise: „:-) Den kriegste!! Ich suche so lange den allerschönsten!“

Am Tag des Festes entführen wir Luise in den Leipziger Zoo, während die Vorbereitungen für die Überraschungsparty auf Hochtouren laufen. Die Band „The Incs“ wird ein Konzert für Luise geben.

Wo will ich sterben?
Der Herbst bringt für Luise gesundheitliche Verschlechterungen. Auch wenn es ihr schwerfällt, sie stellt sich ihren Ängsten und wagt den nächsten großen Schritt. Luise beschäftigt sich mit der konkreten Frage, an welchem Ort sie gerne sterben möchte?

Im Reisebegleiter berichtet Greta Rose, wie sie ihre Freundin Steffi im Hospiz begleitete. Luise ist von ihren Erzählungen angetan und besucht bei einem München Aufenthalt im November 2014 zum ersten Mal ein Hospiz:

Ideen, Pläne und viele Termine
Anfang 2015 geht es wieder bergauf. In Luises Leben stapeln sich die Projekte:

Eine Diskussionsrunde in Zusammenarbeit mit AYA Leipzig auf der Buchmesse, ein Vortrag in einer Schule, Krebs-Bloggertreffen in München, der BR besucht sie mit einem Filmteam, sie reist mit ihrem Bruder Steffen nach Marseille und wir planen ein Buchprojekt („Ein doofes Jahr zum Sterben“).

Zwischendrin sitzt Luise das erste Mal in ihrem Leben in einem Fußballstadion. Allerdings nicht irgendwo, sondern auf dem Fansofa in der Allianz Arena beim 8:0 des FC Bayern gegen den HSV. Und „The Incs“ spielen für Luise beim Kehraus-Faschings-Wohnzimmerkonzert in Schwabing.

Wenn der Tumor lacht
All das begleitet Luise mit vielen Fotos und Posts auf ihrem Facebookblog Chemoelefant aka Klopsi gegen den Krebs, ein Name, den sie sich auf Grund  ihres Beines gegeben hat. Seit der Unterleibsoperation und der daraus erfolgten Störung des Lymphsystems ist das Bein immer angeschwollen.

Luise liebt es, den sonst so ernsten Dinge mit Leichtigkeit zu begegnen. Humor ist (über-) lebenswichtig, was sie auch auf der Buchpräsentation von „Der Reisebegleiter für den letzten Weg“ am 11.5.2015 in München bei AETAS erzählt:

Die Reise geht zu Ende

Strahlend schön ist sie an diesem Abend. Am Morgen hatte sie noch ein Interview für die tz München gegeben. Sie hat starke Schmerzen, doch sie lässt sich nichts anmerken. Professionell beantwortet Luise alle Fragen.

Der Artikel erscheint drei Wochen später – mit Luise als Titelaufmacher. Aus allen Münchner Zeitungskästen blickt sie heraus, auch von den Verkaufsständen in Italien oder Kroatien, wo gerade viele Pfingsturlauber weilen.

Ein letztes kleines Highlight
Luise befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Leipzig auf der Palliativstation. Liebevoll umsorgt fühlt sie sich dort, obwohl sie, wie sie zugibt, doch solche Angst hatte vor diesem letzten Umzug.

Drei Tage später, am Freitag, den 5. Juni 2015, verabschiedet sie sich von ihrer Familie und ihren Freunden. Begleitet vom engsten Kreis schläft sie friedlich ein, so wie sie es sich gewünscht hatte.

In Loving Memory
Luise lernte einige ihrer Freunde erst nach ihrer Diagnose kennen. Manche über ihren Blog, andere über Nana. Manche traf sie persönlich, mit vielen hielt sie Kontakt übers Netz. Jetzt trauern viele Menschen mit ihrer Mutter Beate, ihrem Bruder Steffen und der ganzen Familie um eine außergewöhnliche Frau. Bei jedem Wolkengebilde am Himmel, das auch nur ansatzweise einem Elefanten ähnelt, wird jemand an sie denken.

Es schmerzt, dass Luise gegangen ist. Aber um wieviel größer wäre der Verlust, wäre sie nicht in unser Leben getreten.

Weitere Links und Infos:
Luises Youtubechannel
Luise und Bianca als Cancer Dancer mit *Happy*
Luise über Nana

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11 Gedanken zu “Ein fliegender Elefant

  1. Luise hat mir so viel gegeben! Obwohl wir nur wenige Male miteinander schrieben gab sie mir so viel Kraft und Mut! Ich wurde einmal gefragt mit wem ich gerne Mal ein Interview führen wollte und meine Antwort war:Luise!
    Ich kann es noch nicht fassen, dass sie nicht mehr hier ist und es macht mich sehr traurig!

    Lieben Dank für deine Zeilen. Luise war ein ganz besonderer Mensch und wird immer ein Stück bei uns sein!!!
    FU Cancer!!!!

    Bella

  2. Man kann es immer noch nicht fassen, nie mehr was von Luise lesen zu können. Ich habe mich jeden Tag über ein Posting von Ihr gefreut, weil sie eine ganz liebe Ausstrahlung hatte. R.I.P Luise!

  3. Diese Zeilen haben mich sehr berührt, habe ich doch bereits vor dreissig Jahren einen lieben Menschen an Krebs verloren.

    Um so mehr bewundere ich Luise und Ihre Angehörigen, möchte Kraft wünschen und Mut zusprechen.
    Vielen von uns geht es schlecht ….. und doch wieder gut.

    Selber schonmal an Suizid gedacht, fühle ich mich jetzt klein und eher schäbig bzw. egoistisch.

    R.I.P. Luise. Irgendwann werden wir uns irgenwo mal begegnen.

  4. …Der Tod ist nicht der größte Verlust im Leben…der größte Verlust ist das,was in uns stirbt…während wir leben !

  5. Schöne Zeilen über eine schöne Seele, innen wie außen. F U Cancer, Luise werde ich nie vergessen und was noch viel besser ist, irgendwann da oben hoffentlich kennenlernen

  6. JeTzt ist es schon so lange her & jedesmal, wenn ich nur an Luise denke kommen mir die tränen. Sie hat mir in all der Zeit so viel Kraft gegeben, und ich habe gerne mit ihr geschrieben, gerne ihre postings gelesen.
    Ja, auch heute lese ich gerne noch von ihr, weil sie mir dann immer so Nah vorkommt.
    *Ich weiss noch, wie wir dadrüber geschrieben haben, das ihr Hund genau so aussieht wie meiner *
    Sie schrieb mir einfach :“ Hey, ich glaube du hast Frida geklaut, ich habe grade geschaut ob sie noch da ist“
    – ich habe dann einfach nur zurück geschrieben, ja ich habe auch grade gesehen, das Tyson wie dein Hund aussieht.

    Luise: danke für jedes lächeln was du mir gegeben hast. Ich denke ganz oft an dich und hoffe das du jetzt oben im Himmel auf einer Wiese bist und mit den Elefanten spielt. Ich war übrigens im Zoo und habe für dich einen Elefanten gestreichelt und gefüttert, ich hoffe du hast es mitbekommen und gesehen. RIP meine liebe . Auf ewig bleibst du unvergessen!

    Alles Liebe,
    E.L.T

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